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WM 2026

Iran zur WM 2026: Verabschiedung in Teheran rahmt eine schwierige Mission

Iran zur WM 2026: Staatszeremonie in Teheran, Trainer Ghalenoei, Gruppe G mit Belgien, Ägypten und Neuseeland - der Stand vor der siebten WM-Teilnahme der Team Melli.

Von Marco Feldmann 14. Mai 2026

Verbandschef Mehdi Tadsch bei einer Zeremonie in Teheran - er sprach auch zur WM-Verabschiedung am 14. Mai 2026. Foto: Zuma Press via SmartFrame

Mit grosser Geste und martialischer Bildsprache hat der Iran am 14. Mai 2026 seine Nationalmannschaft zur Fussball-WM 2026 verabschiedet. Auf dem Platz der Revolution in Teheran inszenierte der Staat eine Zeremonie, die mehr Wahlkampfveranstaltung war als Sport-Event - mit Staatspräsident, Verbandschef und Plakaten, die den Spielern eine politische Mission zuweisen. Die sportliche Lage ist davon nur halb berührt: Iran fährt zum siebten Mal zu einer WM, spielt in Gruppe G gegen Belgien, Ägypten und Neuseeland und sucht nach wie vor seinen ersten WM-Achtelfinal-Einzug.

Was am 14. Mai 2026 auf dem Platz der Revolution passiert ist

Die Zeremonie war staatlich orchestriert und im Fernsehen live übertragen. Präsident Massud Peseschkian forderte die Spieler auf, “Irans Würde bei der WM mit Hingabe zu vertreten”. Verbandspräsident Mehdi Tadsch wurde deutlicher: Die Mannschaft werde Iran “als Teil der Widerstandsfront und als Kriegshelden des Obersten Führers” repräsentieren. Über die Tribünen verteilt hingen Plakate mit der Aufschrift, die Nationalhymne sei “mit Entschlossenheit für das Blut der Märtyrer” zu singen. Eingespielt wurde eine eigens für das Turnier komponierte Hymne, deren Refrain das Team als “Fussballmannschaft in Zeiten des Krieges” bezeichnet.

Berichtet hat darüber unter anderem die Sportschau. Sport- und Aussenpolitik verschwimmen in dieser Inszenierung sichtbar - und das ist gewollt.

2022 in Katar - der unausgesprochene Vergleich

Der Subtext der Plakate richtet sich an die Spieler selbst. Bei der WM 2022 in Katar hatten mehrere iranische Profis im Auftaktspiel gegen England die Nationalhymne nicht mitgesungen - ein stilles Solidaritätszeichen für die Proteste nach dem Tod von Mahsa Amini. In der Heimat folgten Verhöre, Drohungen gegen Familien und ein Klima des Misstrauens. Die heutige Forderung, “für das Blut der Märtyrer zu singen”, liest sich vor diesem Hintergrund weniger wie ein Aufruf zur Hymne und mehr wie eine Vorab-Warnung an die Mannschaft.

Sportlich verlief 2022 dennoch ordentlich: Iran besiegte Wales 2:0 - der erste WM-Sieg gegen ein europäisches Team seit 1978 - schied aber nach Niederlagen gegen England und die USA in der Gruppe aus.

Trainer Amir Ghalenoei und ein Kader im Schatten der Region

Sportlicher Cheftrainer ist seit März 2023 Amir Ghalenoei. Er übernahm nach dem WM-Aus von Katar und führte die Team Melli souverän durch die Asien-Qualifikation. Doch die Vorbereitung auf die WM 2026 ist von der instabilen regionalen Sicherheitslage geprägt: Wegen wiederholter Eskalationen mit Israel und brüchiger Waffenruhen hat Ghalenoei in den vergangenen Wochen ausschliesslich interne Testspiele angesetzt. Das erste offizielle Vorbereitungsspiel soll gegen Gambia (FIFA-Rang 116) im türkischen Antalya stattfinden.

Im Kader gesetzt sind Kapitän Ehsan Hajsafi sowie die Offensiv-Achse um Mehdi Taremi (zuletzt Inter Mailand) und Sardar Azmoun. Taremi ist mit zwei WM-Toren aus den Jahren 2018 und 2022 der torgefährlichste Spieler im Kader; Ali Daei bleibt mit 108 Länderspieltreffern Rekordtorschütze - eine Marke, die bei diesem Turnier wieder nicht in Gefahr ist. Die FIFA-Weltrangliste sieht Iran im Mai 2026 unverändert in der erweiterten Top-25, der finale Aufgebot folgt vor Turnierstart.

Gruppe G - Belgien, Ägypten, Neuseeland und Iran

Gruppe G ist auf dem Papier die Gruppe, in der ein Platz Zwei realistisch erscheint. Belgien geht als FIFA-Top-Nation als Favorit ins Rennen, dahinter spitzen Iran, Ägypten und das WM-Rückkehrer-Team Neuseeland um die zweite Achtelfinal-Spur. Iran sieht sich selbst hinter Belgien als zweite Kraft - so liest es sich auch in der Team-Vorschau auf der iranischen Mannschaftsseite.

SpieltagGegnerAnstoss (MESZ)Spielort
1NeuseelandDi 16.06.2026, 03:00Los Angeles
2BelgienSo 21.06.2026, 21:00Los Angeles
3ÄgyptenSa 27.06.2026, 05:00Seattle

Zwei der drei Anstosszeiten liegen mitten in der Nacht - das West-Coast-Problem trifft Iran-Fans in Europa genauso wie deutsche Zuschauer. Wer den vollständigen WM-Spielplan in deutscher Zeit im Überblick will, findet ihn auf der Spielplan-Seite.

Drei Spiele in Seattle und Los Angeles - der Fahrplan

Iran spielt nur in den USA, anders als Gruppen mit kanadischen oder mexikanischen Spielorten. Die ersten beiden Partien finden im SoFi Stadium in Los Angeles statt, das dritte im Lumen Field in Seattle. Dass beide Städte traditionell als liberal gelten und über grosse iranische Diaspora-Gemeinden verfügen, ist der politische Subtext, den die Verbandsführung in Teheran zu Hause kontern muss.

Der Trainingsstandort und das genaue Quartier sind bisher nicht bestätigt - die FIFA-Regularien lassen den Teams Spielraum, und Iran hat in der Vergangenheit gerne erst kurz vor Turnierstart entschieden, wo das Team residiert.

Reise- und Visa-Frage - der Sub-Plot abseits des Platzes

Ein zweiter Faden, der das WM-Turnier für Iran erschwert: die US-Einreise. Bereits seit Monaten gibt es Berichte über Visa-Verzögerungen für iranische Funktionäre, denen US-Behörden Verbindungen zur Revolutionsgarde nachsagen. Die FIFA hat den Verband zur kompletten Akkreditierung aufgefordert, eine politische Lösung steht noch aus. Spieler dürften die Einreise erhalten; bei Verbandsfunktionären und Schiedsrichter-Begleitung ist die Lage unklar. Den breiteren Kontext liefert unsere Übersicht zu USA-Reise und Einreise bei der WM 2026.

Sportlich bleibt zudem die Frage offen, wie sich Ghalenoei taktisch positioniert. Ohne hochwertige Test-Gegner ist die Match-Fitness im Spätfrühling 2026 ein Risiko, das andere Asien-Vertreter wie Japan und Südkorea längst gelöst haben. Der Vergleich mit Marokko 2022 - aus dem Schatten der Aussenseiterrolle heraus ins Halbfinale - bleibt ein hoch hängender, aber theoretischer Plan; siehe dazu unsere Analyse zu den Außenseitern der WM 2026.

Was am 14. Mai in Teheran zu sehen war, hat zwei Lesarten. Aus Sicht des Regimes ist die WM eine Bühne, auf der die “Widerstandsfront” sich präsentieren soll. Aus Sicht der Spieler ist sie das, was sie immer war: vier Wochen Turnier, drei Gruppenspiele, eine reale sportliche Chance auf das, was Iran bei sechs WM-Anläufen noch nie geschafft hat - das Achtelfinale. Welche Lesart sich am Ende durchsetzt, entscheidet sich nicht in Teheran, sondern in Los Angeles und Seattle.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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