Zum Inhalt springen
WM 2026

Solbakken vor Norwegen-England: "Viertelfinale wäre Unsinn"

Norwegens Trainer Ståle Solbakken über das WM-Viertelfinale gegen England in Miami, sein Köln-Kapitel 2011/12 und den Wechseltakt, für den Klopp ihn lobte.

Von Marco Feldmann 11. Juli 2026

Miami, 10. Juli 2026: Norwegens Nationaltrainer Ståle Solbakken auf der Pressekonferenz vor dem Viertelfinale gegen England. Foto: Zuma Press via SmartFrame

Ståle Solbakken hat in Miami am Freitagabend hinter die Zahlen geblickt, die um seine Mannschaft schwirren. 19 Siege aus den letzten 21 Spielen. Erste WM-Teilnahme Norwegens seit 1998. 2:0 im Achtelfinale gegen Brasilien. Und in gut 22 Stunden das WM-Viertelfinale gegen England im Hard Rock Stadium. “Sich das Viertelfinale als Ziel auszugeben, wäre im Vorfeld Unsinn gewesen”, sagte der 57-Jährige laut kicker. “Wir sind ja zum ersten Mal in diesem Jahrtausend dabei.”

Solbakken vor Miami: “Sie wissen tief in sich, dass sie England schlagen können”

Der Rest der Pressekonferenz war ein Wechsel aus Realismus und Ansage. Realismus zuerst: “Natürlich wissen wir, dass dies ein sehr, sehr schwieriges Spiel wird.” Dann die Ansage: “Aber meine Spieler wissen tief in ihnen, dass sie England schlagen können.” Damit das gelinge, sagte Solbakken, “müssen wir an unsere absolute Leistungsgrenze gehen. Wenn uns das nicht gelingt, kommt England weiter.”

Den Druck reklamierte er dorthin, wo er hingehört. “Der lastet eher auf England als auf uns”, so Solbakken bei sport1. “Aber wenn das Spiel beginnt, denken die Spieler nicht so sehr an den Druck. Da geht es elf gegen elf.” Auch die naheliegende Personifizierung des Duells wollte er nicht bedienen. Es werde kein Haaland gegen Kane, sondern Norwegen gegen England: “Es ist kein Geheimnis, dass Kane für England der Matchwinner Nummer eins ist und Haaland für uns der Matchwinner Nummer eins.” Der Rest sei Kollektiv. Wer den Weg der norwegischen Mannschaft durch die WM 2026 verfolgt hat, kennt diesen Ton: Solbakken beruhigt Erwartungen, ohne die eigene Chance kleinzureden.

Vom Köln-Aus zur Wiedergeburt in Oslo

Es ist der zweite Anzug, in dem der Norweger in Deutschland wahrgenommen wird. Der erste war der 1. FC Köln, Saison 2011/12. Solbakken kam vom FC Kopenhagen als Meistertrainer, sollte den Klub taktisch modernisieren und wurde nach sieben Spieltagen Restrunde entlassen. Der sportschau-Rückblick zum Portrait titelt an diesem Wochenende “In Köln krachend gescheitert”: strenge Raumaufteilung, offene Flanken, Köln “zur Schießbude der Liga”, Streit mit Sportdirektor Volker Finke. Solbakken selbst hat später eingeräumt: “Ich wollte zu schnell zu viel erreichen.”

Kurzer Zwischenstopp in Wolverhampton, wieder ein Fehlstart, dann die Rückkehr nach Kopenhagen. Dort holte er zwischen 2013 und 2020 drei Meistertitel und drei Pokalsiege. Seit Dezember 2020 ist er Norwegens Nationaltrainer. Nach zwei knapp verpassten Qualifikationen kippte die Bilanz: 19 Siege in den letzten 21 Länderspielen, nur zwei Niederlagen. Und die zwei sind erklärbar. Eine Freundschaftsspiel-Pleite gegen die Niederlande. Und das 1:4 gegen Frankreich in der WM-Gruppenphase, in dem Solbakken bewusst rotiert und Kräfte für die K.-o.-Runde geschont hatte. Der Preis, um Haaland, Ødegaard und Nusa zwei Wochen später gegen Brasilien frisch zu haben, war ein hinnehmbares Ergebnis.

Der Wechseltakt gegen Brasilien - Klopp: “Geil gewechselt”

Der Gruppen-Kalkül zahlte sich am 5. Juli im MetLife Stadium aus. Zur Halbzeit stand es 0:0, Alexander Sörloth und Antonio Nusa mussten runter, herein kam der 22-jährige Benfica-Flügelspieler Andreas Schjelderup. Beide Haaland-Tore in der zweiten Halbzeit fielen nach Schjelderup-Vorlagen. Das norwegische 2:0 gegen Brasilien beendete Neymars Länderspiel-Karriere und schickte Ancelotti in die Umbruch-Debatte. Jürgen Klopp, ARD-Studio-Gast an dem Abend, fasste den taktischen Kern in einem Satz zusammen: “Solbakken hat geil gewechselt.”

Nach der Sensation ließ Solbakken die Mannschaft feiern. Kapitän Martin Ødegaard, der über den Real-Madrid-Umweg zu Arsenal gefunden hat, ordnete das später ein: “Solche Dinge sind wichtig für den Teamgeist.” Es ist ein Muster, das auch der Brasilien-Recap zum 2:0 und die Nachrichten rund um den Hotel-Wechsel nach Fort Lauderdale zeigen: Solbakken spart die Nerven seiner Spieler für die 90 Minuten, die zählen.

”Ich war schon einmal tot”

Wer versteht, warum Solbakken so ruhig auftritt, findet die Antwort in einem Herzstillstand. 2001, mit 33 Jahren, während einer Trainingseinheit beim FC Kopenhagen. Seit dem Vorfall trägt er einen Herzschrittmacher. Sein Satz, den norwegische Reporter regelmäßig zitieren, lautet: “Ich war schon einmal tot. Was soll mir noch passieren?” Es klingt nach Kalendermotto, ist aber ein Erklärungsansatz für einen Trainer, der öffentlich seltener Emotion zeigt als die meisten seiner Kollegen.

Diese Gelassenheit erlaubt ihm auch politische Klarheit. Die FIFA-Entscheidung zur Balogun-Sperren-Aufhebung nannte er in Miami eine “schlechte, schlechte, schlechte Entscheidung”. Einen Teil seines Gehalts spendet er seit Jahren an norwegische Nachwuchsprojekte. Der Kontrast zum englischen Hochglanz-Betrieb um Tuchel, Kane und die Boulevardpresse ist an diesem Wochenende einer der Subtexte des Viertelfinales in Miami, auch wenn Solbakken selbst ihn nicht auf die Rasenlinie ziehen wird.

Der Fahrplan Miami

  • Samstag, 11. Juli 2026, 23:00 MESZ Anpfiff Hard Rock Stadium Miami
  • Übertragung: MagentaTV live, ARD-Sportschau-Zusammenfassung
  • Bei Norwegen-Sieg: Halbfinal-Duell am 15. Juli, 21:00 MESZ im Mercedes-Benz Stadium Atlanta gegen den Sieger aus Argentinien - Schweiz
  • Voraussichtlich weiterhin ohne den zuletzt kranken oder angeschlagenen englischen Doppel-Ausfall: Guehi und Rice sind fraglich, Innenverteidiger Quansah ist gesperrt

Für den vollständigen Turnier-Fahrplan bis zum Finale am 19. Juli in East Rutherford ist der WM-Spielplan der Referenzpunkt. Der Vergleich mit Frankreich, das im gruppenintern schmerzhaften Direktduell gegen Solbakkens B-Elf gewonnen hatte, wird an diesem Samstagabend ein anderer sein.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

Mehr aus WM 2026