Rapha Claus im Kreuzfeuer: Trump und Giuliani greifen den Balogun-Schiedsrichter an, deutsche Experten verteidigen
Der Brasilianer Rapha Claus pfiff die Rote Karte gegen Balogun. Jetzt attackieren Trump und Giuliani den Schiedsrichter. Wagner und Collina verteidigen ihn.
Von Marco Feldmann 10. Juli 2026
Der brasilianische WM-Schiedsrichter Raphael Claus steht seit dem 1. Juli 2026 im Kreuzfeuer aus dem Weissen Haus. Nach der Roten Karte gegen den US-Angreifer Folarin Balogun im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina attackieren US-Praesident Donald Trump und Andrew Giuliani, Leiter der WM-Task-Force des Weissen Hauses, den 46-Jaehrigen persoenlich - mit vagen “Verdachts”-Formulierungen und einer konkreten Anspielung auf einen brasilianischen Spielmanipulations-Fall, in dem Claus ausschliesslich als Zeuge auftrat und nie angeklagt war. Deutsche Schiedsrichter-Experten wie Lutz Wagner und Hans E. Lorenz verteidigen die Rote Karte fachlich; FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina stellt sich hinter seinen Referee. Wir ordnen die Vorwuerfe, die Faktenlage zur Manipulation-Anschuldigung, die deutsche Regel-Bewertung und die politische Ebene ein.
Wer ist Raphael Claus? Der Brasilianer auf der FIFA-Liste seit 2015
Raphael Claus ist 46 Jahre alt und steht seit 2015 auf der FIFA-Schiedsrichter-Liste. Er kommt aus dem brasilianischen Referee-Pool, der die Copa America seit Jahrzehnten praegt, und war schon bei der WM 2022 in Katar im Einsatz. Bei mehreren Copa-Auflagen leitete er K.-o.-Spiele, bei der WM 2026 gehoert er in einem 130-koepfigen internationalen Aufgebot zu den knapp 40 Feld-Schiedsrichtern, die die FIFA fuer die K.-o.-Runde nominieren kann. Sein Debuet bei diesem Turnier war das Gruppenspiel Spanien gegen Saudi-Arabien am 21. Juni 2026 im Atlanta Stadium. Zehn Tage spaeter kam die deutlich brisantere Aufgabe: das Sechzehntelfinale zwischen dem Turnier-Gastgeber USA und Bosnien-Herzegowina im San Francisco Bay Area Stadium in Santa Clara. Video-Assistent an der VAR-Station: der Kolumbianer Juan Soto.
Fuer Beobachter der Referee-Szene gilt Claus als einer der ruhigen Regel-Anwender aus dem CONMEBOL-Verband: keine Show, wenig Diskussion mit Kapitaenen, klare Regelmechanik. Collina hat ihn in FIFA-internen Bewertungen mehrfach in der Top-Gruppe der zentralen Feld-Schiedsrichter gefuehrt.
Der Vorwurf: Trump und Giuliani unterstellen “Spielmanipulation”
Der Angriff aus dem Weissen Haus hat zwei Wellen. Welle 1 kam unmittelbar nach dem 2:0-Sieg der USA gegen Bosnien am 1. Juli 2026. US-Praesident Donald Trump nannte die Rote Karte in seinem Truth-Social-Umfeld “skandaloes” und griff Claus persoenlich an: “Dieser Schiedsrichter, der ist etwas verdaechtig, wenn man sich seine Vergangenheit ansieht.” Und: “Ich kenne mich im Sport wirklich sehr gut aus. Und das war kein Foul.” Trump telefonierte anschliessend mit FIFA-Praesident Gianni Infantino - das Ergebnis war die spaetere Sperr-Aussetzung nach Artikel 27 des FIFA-Disziplinar-Katalogs am 5. Juli, mit der Balogun gegen Belgien spielberechtigt wurde.
Welle 2 kam am 9. Juli 2026, kurz vor dem Wechsel in die Viertelfinal-Runde, durch Andrew Giuliani, den Leiter der WM-Task-Force des Weissen Hauses. Giuliani, Sohn des ehemaligen New Yorker Buergermeisters Rudolph Giuliani und im zweiten Trump-Kabinett fuer das WM-Dossier verantwortlich, formulierte den Vorwurf gegenueber US-Medien juristischer und konkreter: “Wir fanden es hoechst verdaechtig, dass ein Schiedsrichter zum Einsatz kam, gegen den bereits wegen Spielmanipulation ermittelt worden war.” Zusaetzlich attackierte Giuliani die VAR-Ueberpruefung des Vorfalls: “Man darf in diesem Fall keine Zeitlupe verwenden, was aber dennoch geschah.”
Beide Zitate zeichnen ein Bild, das juristisch nicht stimmt. Claus war in dem brasilianischen Manipulations-Verfahren, auf das Giuliani anspielt, ausschliesslich als Zeuge angehoert worden. Angeklagt oder auch nur beschuldigt wurde er nie. Der Unterschied zwischen Zeuge und Beschuldigtem in einem Ermittlungsverfahren ist erheblich; Giulianis Formulierung “gegen den ermittelt worden war” verwischt ihn bewusst.
Fuer Beobachter aus dem europaeischen Referee-Milieu ist der VAR-Vorwurf eine spezifische Fach-Debatte: Es gibt in der aktuellen IFAB-Regel-Auslegung eine Praxis, Trefferpunkt und Krafteinwirkung mit Zeitlupe zu pruefen, den Sekundaer-Kontext (Ballfuehrung, Distanz, Absicht) aber lieber in Echtzeit. Claus soll laut sportschau exakt so vorgegangen sein: Erst die Zeitlupe fuer Kontakt und Trefferpunkt, dann Echtzeit fuer die Bewertung. Das entspricht dem offiziellen VAR-Protokoll.
Faktencheck Rote Karte an Balogun: Wagner und Lorenz bestaetigen den Schiri
Deutsche Schiedsrichter-Experten haben die Rot-Entscheidung in mehreren ARD-Analysen bereits fachlich bestaetigt. Der zentrale Satz kommt vom DFB-Schiedsrichterlehrwart Lutz Wagner, seit Jahren Autoritaet in Regel-Fragen und in der Schiedsrichter-Ausbildung des DFB: “Hier waren alle drei Parameter fuer eine Rote Karte erfuellt.” Wagner meint damit die klassischen Regeltafel-Kriterien fuer grobes Foulspiel: Intensitaet der Aktion, Geschwindigkeit der Beteiligten und Trefferpunkt am Gegenspieler. Alle drei seien im Balogun-Muharemovic-Zweikampf in der 64. Minute des R32 gegeben gewesen.
Auch Hans E. Lorenz, ein weiterer im sportschau-Beitrag zitierter deutscher Experte, ordnet die Karte im Rahmen der aktuellen internationalen Auslegungspraxis ein. Beide sehen die Aktion nicht als Grenzfall, sondern als klare Rote-Karte-Situation, wie sie in europaeischen Ligen ebenso automatisiert gepfiffen wuerde.
Wichtig fuer die politische Ebene: Auch die FIFA hat die Rote Karte in ihrer Nach-Bewertung nicht bestritten. Die anschliessende Sperr-Aussetzung nach Artikel 27 betraf ausschliesslich die Frage, ob die einspielige Sperre vollstreckt oder zur Bewaehrung ausgesetzt wird - nicht die Frage, ob der Feldverweis selbst falsch war. Der Weltverband hat die Trennung zwischen Regel-Anwendung (bestaetigt) und Sanktion (zur Bewaehrung ausgesetzt) in seiner Mitteilung sauber ausbuchstabiert. Der oeffentliche Zusammenhang zwischen dem Trump-Telefonat mit Infantino und der praezedenzlosen Sperr-Milde bleibt allerdings ein Punkt, der in der belgischen Bewertung als “politisch heikel” gilt.
Collina stellt sich vor Claus - FIFA verteidigt ihre Nominierungsliste
FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina, seit 2017 Chairman des Referee-Departments und selbst fruehere Weltklasse-Autoritaet, hat sich in einem offiziellen Statement des Weltverbands hinter Raphael Claus gestellt. Seine zentralen Formulierungen: Claus sei “einer der weltweit fuehrenden Profischiedsrichter” und stehe fuer “stets hoechste Professionalitaet und Integritaet”. Es ist eine bemerkenswert klare Rueckendeckung von Collina, der - wie bereits in der Aegypten-Betrugsvorwurf-Antwort an Argentinien - in Manipulations-Debatten dieser WM einen strikten Verteidigungs-Kurs faehrt.
Bemerkenswert ist der institutionelle Widerspruch zwischen zwei parallelen FIFA-Signalen: einerseits die inhaltliche Verteidigung von Claus durch Collina, andererseits die praezedenzlose Sperr-Aussetzung fuer Balogun nach Artikel 27, die in Europa als politisches Zugestaendnis an den US-Praesidenten gelesen wird. Der belgische Verband hat aus dieser Diskrepanz bereits rechtliche Schritte eingeleitet und die Praezedenz-Frage in den offiziellen Beschwerde-Weg getragen.
Was das fuer die K.-o.-Runde bedeutet: Schiri-Nominierungen unter politischem Druck
Die Attacke des Weissen Hauses gegen einen konkret benannten Schiedsrichter ist in der WM-Geschichte ein Novum. Weder Katar 2022 noch Russland 2018 noch Brasilien 2014 hatten einen Gastgeber-Staatschef, der einen ausgewiesenen FIFA-Referee mit Manipulations-Andeutungen belegte. Die Kombination aus enger Trump-Infantino-Verbindung, oeffentlichem Druck auf einzelne Schiedsrichter und praezedenzloser Sanktions-Milde erzeugt in den letzten drei Turnier-Wochen der WM 2026 eine Debatte, die weit ueber Balogun und Claus hinausgeht.
Fuer die verbleibenden K.-o.-Runden (Viertelfinale ab 10. Juli, Halbfinale 14./15. Juli, Finale 19. Juli im MetLife Stadium) stellt sich damit die Frage, wie unabhaengig FIFA-Nominierungen unter politischem Dauerbeschuss noch sind. Die FIFA hat in Zuerich offiziell keine Konsequenz gezogen: Claus bleibt im Turnier-Aufgebot. Ob er in der Halbfinal- oder Final-Runde eingesetzt wird, oder ob die Referee-Kommission zur Vermeidung weiterer politischer Reibung auf ihn verzichtet, ist eine der offenen Fragen dieser Schluss-Woche - fuer den Turnier-Gastgeber USA, der nach dem 1:4 gegen Belgien im Achtelfinale sportlich ausgeschieden ist, ebenso wie fuer die Verbaende, die ab Viertelfinale mit Claus als moeglichem Referee planen muessen.
Fuer Rapha Claus selbst ist die Sache in gewisser Weise entschieden: Fachlich sauber, politisch aber persoenlich beschaedigt. Wagner-Zitat, Collina-Rueckendeckung und die Faktenlage zur Manipulation-Anschuldigung stehen gegen die Verdachts-Sprache aus dem Weissen Haus. Das Kreuzfeuer, in dem er steht, ist keins des Fussballs - sondern eins der Politik.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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