Infantino: 64-Team-WM 2030 wird nach der WM 2026 formell geprüft
FIFA-Chef Infantino kündigt am 11.07.2026 im blue-Sport-Interview an, die Aufstockung der WM 2030 auf 64 Teams nach dem laufenden Turnier formell zu prüfen.
Von Marco Feldmann 11. Juli 2026
Es war kein Witz mehr. Als FIFA-Präsident Gianni Infantino am Samstag im Interview mit dem Schweizer Portal blue Sport gefragt wurde, ob die WM 2030 auf 64 Mannschaften aufgestockt werden soll, antwortete er in einem Satz, was Monate der halb-öffentlichen Debatte auf eine Zielmarke reduziert hat: “Nach der WM müssen wir überlegen, auf jeden Fall.” Zwei Wochen vor dem WM-Finale am 19. Juli im MetLife Stadium hat der oberste FIFA-Mann damit erstmals einen konkreten Prüftermin für die Aufstockung zum Jubiläumsturnier 2030 in Marokko, Spanien und Portugal benannt.
Das blue-Sport-Zitat im Wortlaut
Das Interview lief in einer Gesprächssequenz während des Viertelfinal-Wochenendes der laufenden WM 2026. Auf die Frage nach der 64er-WM antwortete Infantino:
“Nach der WM müssen wir überlegen, auf jeden Fall.”
Nachgeschoben, mit sportpolitischem Argumentationsbogen: Die Welt sei “nicht nur Europa und Südamerika”. Die Qualität von Nationalmannschaften verbessere sich weltweit rapide. Wer kleineren Verbänden keine WM-Perspektive gebe, entziehe ihnen zugleich den Anreiz, sich zu verbessern. Für ein Zitat, das nur aus zwei Sätzen besteht, ist der Trennstrich zwischen 12. Juni und 11. Juli erheblich: Damals witzelte Infantino im brasilianischen Digitalsender CazeTV noch von “208 Teams” auf Italien-Kosten - jetzt liefert er die ernstgemeinte Fassung, in der die Aufstockung nicht mehr rhetorische Provokation, sondern angekündigte Tagesordnungs-Angelegenheit ist. Zur Chronologie der Zwölftages-Wortmeldung hatten wir im Bericht zum Infantino-CazeTV-Interview vom 12. Juni alles eingeordnet.
Wer im FIFA-Council entscheidet: Neuendorf und die DFB-Stimme
Formal ist das Kompetenzgefüge klar. Grundsatzentscheidungen zur Größe eines FIFA-Turniers gehen über den FIFA-Council, das 37-köpfige Exekutivgremium der Weltverband-Zentrale. Vertreten sind alle sechs Kontinentalverbände proportional. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat seit April 2023 einen der Council-Sitze, die die UEFA in Zürich besetzt.
Neuendorf wird in der Frage einer neuen 64er-WM voraussichtlich Ceferins Linie folgen - der UEFA-Chef hat die Idee schon im Frühjahr 2025 als “schlechte Idee” abgetan. Für den DFB kommt hinzu, dass Neuendorf mit der Rückkehr von Jürgen Klopp als möglichem Bundestrainer und der langfristigen Vertragsstruktur bis 2030 einen eigenen sportlichen Fahrplan aufsetzt. Ein aufgeblähter Modus zum Klopp-Ziel WM 2030 wäre nicht in der DFB-Kalkulation - und dürfte die Bereitschaft auf der UEFA-Seite senken, Infantino aus taktischen Gründen nachzugeben.
Die Chronik: von Domínguez’ Vorschlag 03.2025 zu Infantinos 07.2026-Bestätigung
Die 64-Teams-Idee ist keine Infantino-Erfindung. Sie kam formal aus Südamerika:
- März 2025: CONMEBOL-Präsident Alejandro Domínguez schlägt beim Kontinentalverband-Kongress in Asunción vor, das Jubiläumsturnier 2030 zum 100-jährigen WM-Geburtstag (Premiere 1930 in Uruguay) auf 64 Mannschaften auszurichten. Argument: Jubiläumsturnier verlangt Sonderformat.
- April/Mai 2025: Erste Ablehnungen aus UEFA (Ceferin), zurückhaltende Stimmen aus AFC und CONCACAF.
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- September 2025: FIFA-Council-Sitzung in New York; Aufstockungs-Vorschlag als informeller Tagesordnungspunkt. Ein Beschluss wird nicht gefasst, das Thema aber offiziell in die Prüfung überwiesen.
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- Juni 2026: Infantino wechselt im CazeTV-Interview vor dem WM-Eröffnungsspiel von der stillen Rückendeckung in die öffentliche Debatte, verpackt in den umstrittenen Witz über Italien und 208 Teams.
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- Juli 2026: blue-Sport-Interview, oben zitiert. Erstmals ein konkreter Prüftermin: unmittelbar nach dem Finale am 19. Juli.
Die Sequenz ist nicht ohne Substanz. Zwischen dem CazeTV-Witz und dem blue-Sport-Zitat liegen 29 Tage - und ein Ton-Wechsel vom Kalauer zum Steuerungssatz.
Infantinos Sportargument: Anreiz für kleine Verbände
Der FIFA-Chef flankiert die Ankündigung mit einer sportpolitischen Begründung, die er seit 2024 in Ansätzen fährt: WM-Perspektive als Entwicklungshebel. Wer heute in Zentralasien, Ozeanien oder Subsahara-Afrika Fußball spielt, sagt Infantino sinngemäß, brauche ein Ziel jenseits der eigenen Konföderationsmeisterschaft - eine WM-Teilnahme als Nadelöhr, das anspornt. Aus der Perspektive der 211 FIFA-Mitgliedsverbände ist die Rechnung logisch: Von 48 Startplätzen bekommen aktuell 13 die UEFA, 9 die AFC, 9 die CAF, 6 die CONMEBOL, 6 die CONCACAF und 1 die OFC. Der Rest wird über die interkontinentalen Playoffs verteilt.
Politisch ist die Rechnung natürlich weniger neutral. Infantino steht 2027 zur Wiederwahl als FIFA-Präsident. Sein Stimmenreservoir liegt in den kleinen Verbänden. Eine 64er-WM würde ihm 16 zusätzliche Sitzplätze am WM-Tisch spendieren, die er nach Bedarf konfoederationsübergreifend verteilen könnte. Der Sport-Nachweis-Effekt ist zweifelhaft: Dass ein Land wie Guyana, Osttimor oder Süd-Sudan bei einer 64er-WM realistisch qualifiziert wäre, ist im aktuellen Ranking nicht abzuleiten.
Warum die UEFA (weiter) Nein sagt
Die europäische Position hat drei tragende Säulen:
- Sportliche Qualität: Bei 48 Teams gibt es aus UEFA-Sicht schon jetzt Vorrundenspiele, die kaum WM-Niveau haben. Weitere 16 Teams würden die Wettbewerbs-Substanz noch mehr verwässern.
- Qualifikation: Die UEFA-Quali ist mit 55 Nationalverbänden strukturell die anspruchsvollste; auf 20+ europäische WM-Startplätze aufzustocken hieße, die Quali-Aussage in Europa zu entwerten. Prominent-Beispiel WM 2026: Italiens dreifach verpasste WM in Folge hätte in einem 64er-Modus wohl anders geendet - aber gerade Ceferin hält das explizit für ein Anti-Argument, weil sportliche Selektion ihren Wert verlieren würde.
- Klub-Belastung: Eine WM 2030 mit 128 statt aktuell 104 Spielen (WM 2026) würde die Kaderfenster der europäischen Top-Ligen zusätzlich anfressen - ein Streitpunkt, den UEFA-Chef Ceferin, FIFPRO und die European Leagues seit 2023 an mehreren Fronten führen.
Aus der AFC kommen ähnliche Argumente. Auch die CONCACAF, die in den USA 2026 den Gastgeber-Verband stellt, hat sich in einer FIFA-internen Stellungnahme im Herbst 2025 skeptisch geäußert.
128 Spiele: was 64 Teams logistisch bedeuten würden
Ein 64-Team-Turnier würde in der Grundvariante 128 Spiele umfassen: 16 Vierergruppen à sechs Partien (96 Spiele), plus Sechzehntelfinale (16), Achtelfinale (8), Viertelfinale (4), Halbfinale (2), Spiel um Platz 3 und Finale (2). Zum Vergleich: Die aktuelle WM 2026 kommt mit 48 Teams auf 104 Spiele nach dem im WM-2026-Modus beschriebenen 12-Vierergruppen-Format. 128 Partien in einem 32-Tage-Fenster (aktueller Standard: 39 Tage bei der WM 2026 zwischen 11. Juni und 19. Juli) sind logistisch nur mit deutlich mehr Spielorten und paralleler Ausrichtung machbar.
Für die WM 2030 kommt die geografische Streuung schon in der 48-Team-Variante als Hypothek: Hauptgastgeber sind Marokko, Spanien und Portugal, dazu die drei Jubiläumsspiele am 8. Juni 2030 in Montevideo, Buenos Aires und Asunción (Details im Pillar WM 2030). Selbst bei einem Umzug ins 64-Team-Format wäre eine WM auf zwei Kontinenten mit sechs primären Gastgeberländern das kritische Bottleneck, nicht das Spielraster.
Fahrplan bis zum Beschluss
- Bis 19.07.2026: Kein Beschluss - der WM-Betrieb hat Vorrang. Infantino hat zugesichert, die Debatte erst nach dem WM-Finale in East Rutherford formell aufzurollen.
- Q3/Q4 2026: Erste post-turniertaktische FIFA-Council-Sitzung. Auf der Tagesordnung: strukturierte Auswertung des 48-Teams-Formats plus Aufstockungs-Prüfung.
- 2027: Realistisches Fenster für einen Council-Beschluss zur WM-2030-Größe. Sportlich muss die WM-2030-Quali spätestens 2027 mit klarem Startplatz-Modus starten (in Europa läuft parallel die EM-2028-Quali; die WM-Quali-Fenster ab Herbst 2027 sind planungsrelevant).
- Anfang 2028: Spätester Zeitpunkt für die Formatentscheidung, damit die kontinentalen Verbände ihre Quali-Formate anpassen können.
Was das für die deutsche Nationalmannschaft heißt
Für den DFB - der aktuell mitten im Umbruch nach dem WM-Aus 2026 steht - ändert eine 64er-WM 2030 sportlich wenig. Die deutsche Mannschaft ist seit 1954 immer bei der WM dabei und wird ihre Quali-Gruppe (dann unter Jürgen Klopp, sofern der Vertrag zustande kommt) mit oder ohne Format-Aufstockung durchspielen. Änderungen kämen mittelbar: Weniger anspruchsvolle Vorrundenspiele mit Ausbau von 48 auf 64 Teams, dafür ein tieferes K.-o.-Bracket bis zum Achtelfinale. Der Reiz des Turniers, so das UEFA-Argument, würde sich in die späteren Runden verschieben.
Politisch dürfte Neuendorf im FIFA-Council die UEFA-Nein-Linie mittragen. Für Infantino ist das keine gute Nachricht, aber auch keine überraschende: Er wird seine Aufstockungs-Mehrheit außerhalb Europas suchen müssen. Sein Argument der “Anreiz-Perspektive für kleine Verbände” ist nicht zufällig - es zielt genau auf die Wählerstimmen, die er 2027 zur Wiederwahl braucht.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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